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Abelardo Morell/ Beacons from the ivory tower.


Oberes Bild:
Brookline View in Brady’s Room, 1992




Abelardo Morells Stillleben zeugen von Konzentration, Genauigkeit und von großem formalem Können. Umso augenfälliger ist, dass ihm dagegen seine durch eine Camera Obscura vermittelten Aufnahmen weit weniger präzise geraten. Zugleich, und das ist interessant, sind gerade diese Bilder Morells direktester fotografische Bezug zur Außenwelt.

In seiner fotografischen Wirklichkeit gibt es keine Strassen und Städte, weder Leid noch Glück. Nichts in seinen Bildern weist auf das Alltägliche hin.

Morells fotografische Ansichten sind Lichtzeichen aus dem Elfenbeinturm.

Um meine Meinung zu verdeutlichen, kontrapunktisch, zwei seiner frühen Arbeiten.

early09_communion.jpgFirst Communion, Galicia, Spain, 1970

early16_two-men.jpgTwo Men Behind Glass, 1979

Bei Morell ist die Welt in der Wiedergabe durch die Camera Obscura auf den Kopf gestellt, sie ist wörtlich und im übertragenen Sinne eine verkehrte, aus den Fugen geratene Welt. Manchmal wirkt sie fast bedrohlich.
camera28_Winter-Scene-after.jpg
Winter Scene in Bedroom, Brookline, MA, 2000

camera14_Times-Square.jpgTimes Square in Hotel Room, 1997

Ich verliere die Orientierung in diesen Bildern, fühle eine Beklemmung. Gerade in den Schlafzimmern gleichen die Außenweltprojektionen den Bestandteilen eines Traumes, die durch ihre Düsternis und Irrationalität den Traum zum Albtraum machen könnten.

books17_mirror-table.jpgBook and Mirror on Round Table, 2000




Vielleicht aber ist Abelardo Morell einfach nur ein Intellektueller, der mit seinem Fotoapparat über die Welt der Zeichen sinniert. Das ist sein eigentliches, zentrales Thema.

Auch dort wo er dem Alltäglichen am nächsten kommt, in der Lebenswirklichkeit seiner Familie, bleibt Morell seinen visuellen Vorlieben in einer erstaunlichen Art und Weise treu. Er wahrt Distanz.

child04_lisa-glass.jpgLisa and Brady Behind Glass, 1986

child08_brady-jumping.jpgBrady Jumping, 1991

child10_footprints.jpgFootprints, 1987

Das Bild der Mutter mit dem Kind erinnert an ein Ölgemälde, die Haltung seines Sohn verweist auf eine Pose der Comicfigur Supermann, den Badespaß seines Kindes reduziert er auf nasse Fuß-Spuren am Badezimmerboden.

child01_shadow.jpgLaura and Brady in the Shadow of Our House, 1994

Auch hier beruft sich Morell auch auf die Welt der Zeichen.
Auf Zeichen, die die Welt und unsere Ideen über sie repräsentieren.
Die Wirklichkeit ist das, was wir über sie denken.

child17_chair.jpgChair on Chair, 1987

Das Objekt namens Stuhl ist nicht lediglich ein merkwürdig geformter Gegenstand sondern ist auch ein Zeichen der auf seine Funktion hinweist.

child09_doll-house.jpgDoll House, 1987

Das Haus ist kein Haus sondern das Modell eines Hauses, oder nur noch ein Zeichen das auf die reale Existenz eines Hauses verweist.
Die Welt im Spiegel, im Schattenreich der Ideen, nur noch vermittelt, bar der Illusion, man könnte sie unvermittelt und direkt erleben.

other03_Mirror-Shadow.jpgMirror and Its Shadow, 2002

child11_brady-shadow.jpgBrady Looking at his Shadow, 1990

Morell verzichtet zumeist auf die Gegenwart in seinen Bildern. Die Bücher die er abbildet, sind dick und staubig, die Gemälde die er reproduziert, gehören zum etablierten Bildungskanon, und auch der Surrealismus auf den er sich bezieht gehört der Vergangenheit an.

Obwohl Morells Werk nicht altmodisch ist, umgibt in meiner Wahrnehmung seine Bilder die Aura von bildungsbürgerlicher Gediegenheit und der Flair einer vergangenen Zeit.

theater20_mazeppa-piece.jpgThe Metropolitan Opera: Mazeppa Statue Piece, 2005

museum20_Nadelman-Hopper.jpgNadelman/Hopper – Yale Art Gallery, 2008

theater01_rj-set.jpgThe Metropolitan Opera: Romeo and Juliet Set, 2005

Ich bin hin und her geworfen zwischen der Bewunderung für viele von Morells Bildern und der instinktiven Ablehnung seines Werks.

other32_Hourglass.jpgHourglass, 2004

books29_thought.jpgThought Book, 2001

books34_digital.jpgDigital Book, 2002

books01_dictionary.jpgDictionary , 1994

Es hat lange gedauert, bis ich meinem Unbehagen auf die Spur gekommen bin. Es ist das Leben, das mir in seinen Bildern fehlt. Abelardo Morell zeigt kaum Gefühl in seinen Arbeiten.

Das ist meine Wahrnehmung.
Abelardo Morells Selbstwahrnehmung ist eine andere:

„When my son Brady was born in 1986, the combination of new feelings for family life and being tired of the more alienating looking ironic work that I was doing in the streets led me to consider life from a more stationary and loving point of view. I discovered the pleasures of view camera work, which was so fitting with the subject of my family and domestic objects in front of me. I believe that this shift of focus in the mid 80’s still influences the pictures that I’m making now.“

Aus einem Interview veröffentlich auf “Hippolyte Bayard”.

other33_Window-Reflections.jpgWindow Reflections on the Side of a House, 2006

other35_Camera-Me.jpgMy Camera and Me, 1990

Abelardo Morells Webseite ist hier.



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