Obwohl der junge Mann sein Gesicht offen dem Betrachter zuwendet, könnte er sich nicht besser vor ihren neugierigen Blicken schützen. Völlig offen und doch verschlossen, ein Gesicht, auf den Kopf gestellt, nicht mehr lesbar für uns: ein Hinweis auf die Mechanismen der nonverbalen Kommunikation.

Abelardo Morell/ Beacons from the ivory tower.
Oberes Bild:
Brookline View in Brady’s Room, 1992
Abelardo Morells Stillleben zeugen von Konzentration, Genauigkeit und von großem formalem Können. Umso augenfälliger ist, dass ihm dagegen seine durch eine Camera Obscura vermittelten Aufnahmen weit weniger präzise geraten. Zugleich, und das ist interessant, sind gerade diese Bilder Morells direktester fotografische Bezug zur Außenwelt.
In seiner fotografischen Wirklichkeit gibt es keine Strassen und Städte, weder Leid noch Glück. Nichts in seinen Bildern weist auf das Alltägliche hin.
Morells fotografische Ansichten sind Lichtzeichen aus dem Elfenbeinturm.
Um meine Meinung zu verdeutlichen, kontrapunktisch, zwei seiner frühen Arbeiten.
Bei Morell ist die Welt in der Wiedergabe durch die Camera Obscura auf den Kopf gestellt, sie ist wörtlich und im übertragenen Sinne eine verkehrte, aus den Fugen geratene Welt. Manchmal wirkt sie fast bedrohlich.

Winter Scene in Bedroom, Brookline, MA, 2000
Ich verliere die Orientierung in diesen Bildern, fühle eine Beklemmung. Gerade in den Schlafzimmern gleichen die Außenweltprojektionen den Bestandteilen eines Traumes, die durch ihre Düsternis und Irrationalität den Traum zum Albtraum machen könnten.
Vielleicht aber ist Abelardo Morell einfach nur ein Intellektueller, der mit seinem Fotoapparat über die Welt der Zeichen sinniert. Das ist sein eigentliches, zentrales Thema.
Auch dort wo er dem Alltäglichen am nächsten kommt, in der Lebenswirklichkeit seiner Familie, bleibt Morell seinen visuellen Vorlieben in einer erstaunlichen Art und Weise treu. Er wahrt Distanz.
Das Bild der Mutter mit dem Kind erinnert an ein Ölgemälde, die Haltung seines Sohn verweist auf eine Pose der Comicfigur Supermann, den Badespaß seines Kindes reduziert er auf nasse Fuß-Spuren am Badezimmerboden.
Auch hier beruft sich Morell auch auf die Welt der Zeichen.
Auf Zeichen, die die Welt und unsere Ideen über sie repräsentieren.
Die Wirklichkeit ist das, was wir über sie denken.
Das Objekt namens Stuhl ist nicht lediglich ein merkwürdig geformter Gegenstand sondern ist auch ein Zeichen der auf seine Funktion hinweist.
Das Haus ist kein Haus sondern das Modell eines Hauses, oder nur noch ein Zeichen das auf die reale Existenz eines Hauses verweist.
Die Welt im Spiegel, im Schattenreich der Ideen, nur noch vermittelt, bar der Illusion, man könnte sie unvermittelt und direkt erleben.
Morell verzichtet zumeist auf die Gegenwart in seinen Bildern. Die Bücher die er abbildet, sind dick und staubig, die Gemälde die er reproduziert, gehören zum etablierten Bildungskanon, und auch der Surrealismus auf den er sich bezieht gehört der Vergangenheit an.
Obwohl Morells Werk nicht altmodisch ist, umgibt in meiner Wahrnehmung seine Bilder die Aura von bildungsbürgerlicher Gediegenheit und der Flair einer vergangenen Zeit.
Ich bin hin und her geworfen zwischen der Bewunderung für viele von Morells Bildern und der instinktiven Ablehnung seines Werks.
Es hat lange gedauert, bis ich meinem Unbehagen auf die Spur gekommen bin. Es ist das Leben, das mir in seinen Bildern fehlt. Abelardo Morell zeigt kaum Gefühl in seinen Arbeiten.
Das ist meine Wahrnehmung.
Abelardo Morells Selbstwahrnehmung ist eine andere:
Aus einem Interview veröffentlich auf “Hippolyte Bayard”.
Abelardo Morells Webseite ist hier.
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