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Masahisa Fukase,
“The Solitude Of Ravens”


Der Hunger – nur er frisst immer weiter.

Herta Müllers Werke sind ganz einer Region verbunden, dem Banat, einer deutschsprachigen Enklave in Rumänien. Das Dorf, die Sprache und die Erfahrung der Diktatur unter diesen besonderen Voraussetzungen bilden die Themen, denen alle ihre wichtigen Werke gelten und zu denen sie immer wieder zurückkehrt. Man kann das für eine Art Starrsinn halten, aber diese Konzentration auf etwas scheinbar eng Begrenztes bildet hier die Voraussetzung eines Werks, das spätestens jetzt, mit dem Nobelpreis, tatsächlich Weltliteratur ist.
Gebrochen durch die Dokumentation von Unterdrückung, Verfolgung, ja Folter, kehrt in diesem Werk ein älteres, kleinteiliges, kulturell vielfach ineinander gewobenes Europa zurück – und das Banat als eine Nahtstelle zwischen zwei oder gar drei Welten, der rumänischen, der österreichisch-ungarischen und der deutschen. In Herta Müller lebt die räumliche Gliederung Europas aus der Zeit vor dem Kalten Krieg fort,(…)

Sie, deren Mutter Jahre als Zwangsarbeiterin in der Sowjetunion verbringen musste und deren Vater bei der SS gedient hatte, bevor er Lastwagenfahrer wurde, zeichnet sich gegenüber vielen anderen Bewohnern dieser Zwischenwelt durch ihren Ernst und durch ihre Unerbittlichkeit aus. “In der Dorfsprache”, schreibt sie einem der Essays, die sie im Jahr 2003 unter dem Titel “Der König verneigt sich und tötet” veröffentlichte, “lagen bei allen Leuten um mich herum die Worte auf den Dingen, die sie bezeichnete. Die Dinge hießen genauso, wie sie waren, und sie waren genauso, wie sie hießen.”
Dieser Dorfsprache hat sie, wenngleich sie im Lauf der Zeit unendlich verfeinert worden sein muss, bis auf den heutigen Tag behalten, und auch etwas (nicht heiteres, gleichfalls sehr ernstes) Kindliches hat sie sich bewahrt: den sinnlichen Umgang mit der Sprache, den aufquestmerksamen Umgang mit Tönen, Nuancen von Klang und Bedeutung.

Aber solche reservelose Schwerarbeit leistet niemand ohne Not. Ein Schmerz muss ihm zugrundeliegen, so groß, dass Körper und Verstand sich konzentrieren: zuerst einen Bogen bilden um die schmerzende Stelle, so als könne man ihn mit einer schützenden Hülle umgeben, und dann – ihn einüben, durch ständige Wiederholung, die Erwartung des Schrecklichen dadurch bekämpfen, dass man es in der Fiktion vorausnimmt, verarbeitet, kanalisiert. Denn so, wie es eine Suche nach Schutz vor dem Schrecklichen gibt, so gibt es auch eine Suche nach Schutz im Schrecklichen.
(…)

Auszüge aus einem SZ-Artikel von Thomas Steinfeld.


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Masahisa Fukase,
“The Solitude Of Ravens”


Only hunger doesn´t stop eating.
(…)
Herta Müllers´ oeuvre is closely tied to one single region, the ”Banat”, a German-speaking enclave in Rumania. Village life, language and experiences from life in a dictatorship, put a heavy mark on her writings. All her important stories relate to these landmarks, and she comes back to them again and again.

(…)

Seen through a screen structured by the documentation of suppression, persecution and torture, in Herta Müllers oeuvre an older, fragmented and in many ways culturally interweaved Europe is reappearing: – the “Banat” connecting two or even three worlds, the Rumanian, the Austrian –Hungarian and the German cultures. Here the structure of Europe in the times of the Cold War continues to live on.

She, whose mother had to live as forced laborer in the Soviet Union and whose father has served a member of the SS, (before becoming a truck driver), she (…) has kept the language of her village up until now, though refined infinitesimally and she also has kept something very childlike (…): the sensual use of language, the attentive handling of tones, nuances and meaning.

But nobody dedicates himself to this kind of heavy labor that unconditionally without a pressing cause.
There must be pain so huge that body and reason have to bundle themselves just to build an arch around this aching area…as if being able to cover it with a protective layer. Toughening this conjunction of body and mind by the permanent repetition of that what she has experienced, fighting the expectation of the horrible by preconceiving it through fiction, working on it, canalizing it.

Because, as there is the quest for the protection against the horrible, there is the need for being protected in the horrible.

An article by Thomas Steinfeld,
translated in a rather loose fashion by me.


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October 13