Previous Post
Next Post

Arrow Cross Party members execute Jews along the banks of the Danube River. Budapest, Hungary, 1944.


08.04.2011

Interview: Alex Rühle

Pianist András Schiff wurde in Ungarn als “Hochverräter” beschimpft, als er den Antisemitismus anprangerte. Nun spricht er über ein Land, das unwürdig scheint, für Europa zu sprechen.

Als Ungarn am 1. Januar die EU-Ratspräsidentschaft übernahm, veröffentlichte der Pianist András Schiff in der Washington Post einen Text, in dem er fragte, ob sein Heimatland angesichts des grassierenden Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus geeignet sei, diesen Posten zu bekleiden, schließlich sei die EU nicht nur eine Wirtschafts- und Handelsunion, sondern verkörpere auch gemeinsame europäische Werte. Daraufhin brach in Ungarn ein Sturm der Entrüstung los. Der Publizist Zsolt Bayer hetzte in der Tageszeitung Magyar Hírlap gegen Schiff, Daniel Cohn-Bendit und den Guardian-Redakteur Nick Cohen, den er als “stinkendes Exkrement” bezeichnete. Er sprach von “diesen Cohns” und schrieb: “Leider ist es nicht gelungen, einen jeden bis zum Hals im Wald von Orgovány zu verscharren.” In Orgovány wurden 1920 nach dem Zusammenbruch der kurzlebigen kommunistischen Räterepublik Hunderte, vor allem Juden und als Kommunisten verdächtigte Personen, gefoltert und getötet. András Schiff, der in Italien lebt, gab kurz darauf bekannt, nicht mehr in Ungarn aufzutreten. Glücklicherweise gab er aber gerade wieder in Wien ein Konzert. Grund genug, mit ihm über sein Heimatland, den ungarischen Nationalismus und Zivilcourage zu sprechen.

Der ungarische Pianist András Schiff beim Kunstfest in Weimar. Über sein Heimatland sagt er: “Das Zitieren der Parolen und Insignien aus der Nazizeit hat System.” (© dpa)




SZ: Herr Schiff, haben Sie erwartet, dass Sie mit Ihrem Text Ihre Landsleute derart wütend machen würden?

András Schiff: Nein, das war ein sachlicher, kurzer Text, für den ich dann als Saujude und Hochverräter beschimpft wurde.

SZ: Sie sprechen von den anonymen Beleidigungen in Blogs, gegen die man kaum juristisch vorgehen kann. Was aber ist mit Zsolt Bayer? Wurde der für seine Hetztirade in der Fidesz-treuen Tageszeitung nicht belangt?

Schiff: Wo denken Sie hin. Der hat kurz darauf von der regierenden Fidesz-Partei den Madách-Preis bekommen, einen hochangesehenen Kulturpreis.

SZ: Aber Bayer ist doch Wiederholungstäter. Der Mann hat 2008 gesagt, die Juden würden den Ungarn “ins Becken rotzen” und seien allesamt “Rechtfertigungsjuden, sprich: Ihre schiere Existenz rechtfertigt den Antisemitismus.”

Schiff: Ja. Aber als ihn der Dirigent Adam Fischer für den Orlovány-Text angriff, empörte sich Bayer über die Unterstellung, das sei ein antisemitischer Text. Es sei Zufall, dass die drei Namen solche von Juden seien. Und die Fidesz verlieh ihm den Madách-Preis ausdrücklich für sein Lebenswerk. Das zeigt, dass die Fidesz sich nicht von den Rechtsextremen distanziert. Unser Ministerpräsident Viktor Orbán ist eng befreundet mit Zsolt Bayer.

SZ: Was trifft Sie denn mehr, Bayers Tirade oder das Schweigen danach?

Schiff: Bayer kannte ich. Das Schweigen trifft mich sehr. Die fehlende Zivilcourage und Solidarität. Elfriede Jelinek und andere österreichische Autoren haben mich öffentlich verteidigt. Eine ähnliche Aktion habe ich aus intellektuellen ungarischen Kreisen nicht gesehen. Wovor haben die Leute Angst? Wir leben nicht in Deutschland 1933. Man kann seinen Koffer packen.

SZ: Ist Ihre Ankündigung, nie mehr in Ungarn aufzutreten, Ausdruck dieser Enttäuschung?

Schiff: Die Enttäuschung schmerzt. Aber ich habe auch anonyme Drohungen bekommen: Saujude, wenn der noch mal kommt, schlagen wir ihm die Hände ab. Jetzt sagen Leute, ich solle das nicht so ernst nehmen, komm ruhig, vielleicht hauen sie dir nur eine Hand ab (lacht). Ich habe keine Lust, das zu riskieren. Ich liebe meine Heimat so sehr, die Kultur, die Sprache, die Freunde, aber das jetzt ist in dieser Massierung und gewalttätigen Boshaftigkeit zu viel.

SZ: Das Meinungsforschungsinstitut Political Capital schreibt, es gebe in keinem anderen Land einen solchen Zulauf bei den Rechtsextremen wie in Ungarn.

Schiff: Einen antisemitischen, fremdenfeindlichen Bodensatz gab es immer. Das wurde aber nicht toleriert. Der Holocaust war im Kommunismus ein Tabuthema. Und die Ungarn konnten sagen, wir haben damit nichts zu tun. Aber der Holocaust ist nicht allein eine deutsche Angelegenheit. Man muss einfach anerkennen, dass viele Ungarn kollaboriert haben, damit die neue Generation endlich klar sagen kann: Nie wieder.

SZ: Na ja, der ungarnstämmige österreichische Journalist und Autor Paul Lendvai schreibt, nur vier Prozent der 18 bis 30-jährigen Ungarn wüssten überhaupt, was das Wort Holocaust bedeutet.

Schiff: Als Lendvai in Frankfurt aus seinem Buch “Mein verspieltes Land” lesen wollte, musste das abgesagt werden, so massiv waren die Drohungen. Dass man in Deutschland eine Lesung wegen ungarischer Radikaler absagen muss, hat mich beeindruckt. Aber was Ihre Zahlen angeht: Deshalb sind die Artikel eines Zsolt Bayer ja so gefährlich. Wie soll es einen Aufschrei geben, wenn die Leute nicht mal wissen, was Sache ist?

SZ: Nun ist Bayer ja immerhin Mitbegründer der Regierungspartei Fidesz. Würden Sie deren Vorsitzenden, den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, als Faschisten bezeichnen?

Schiff: Aber nein. Orbán ist kein Faschist, er ist nur radikaler Karrierist und nationalistischer Populist. Aber er lässt die Jobbik, eine glasklar rechtsextremistische Partei, die mit 47 Abgeordneten im Parlament sitzt, hemmungslos geifern. Die Jobbik ist offen antisemitisch, hetzt gegen Roma und träumt von Großungarn. Und sie unterstützt nationalistische Initiativanträge der Fidesz. Viele Ungarn sagen, was regst du dich auf, Rechtsextreme gibt es anderswo genauso. Das stimmt so nicht. Natürlich gibt es überall rechtsradikale Splitterparteien. Und umgekehrt sind die meisten Ungarn natürlich keine Rechtsextremen. Aber die rechtsextreme Minderheit prägt den politischen Diskurs viel zu stark.

SZ: Am 18. April bekommt Ungarn eine neue Verfassung. Die Präambel heißt “Nationales Glaubensbekenntnis”, darin werden der ungarische Nationalstolz und der Stolz auf das tausendjährige ungarische Reich beschworen.

Schiff: Hm, tausendjähriges Reich, da war doch was. Ich komm’ nur gerade nicht darauf. Nein, ernsthaft: Mir wird übel, wenn ich das höre. Das passt nicht zu Europa. Ich glaube an Europa, nicht an ein tausendjähriges Reich. Und Ungarn ist ein Schmelztiegel aus Asiaten, Juden, Slawen, Balten, Mitteleuropäern. Ich verstehe diesen Nationalismus nicht. Wir sind doch nicht beim Hundezüchter.

SZ: Sie leben in Italien, einem Land, das einen mittlerweile zögern lässt, es als funktionierende Demokratie zu bezeichnen. Vieles von dem, was Sie über Orbán sagten, passt auch auf Berlusconi. Was unterscheidet Orbán von ihm?

Schiff: Ich will die Situation in Italien nicht verharmlosen, die allgemeine Moral hat dort extrem gelitten, das Land ist im Niedergang. Aber Berlusconi ist mittlerweile eine Witzfigur, über die fast alle lachen. Über Orbán kenne ich keinen einzigen Witz. Der Mann ist gefährlich. Die Welt bekommt aufgrund unserer sprachlichen Isolation nicht richtig mit, was bei uns passiert, sie können im Parlament unglaubliche Dinge sagen, weil sie wissen, das versteht im Ausland eh keiner.

SZ: Was wurde denn in letzter Zeit Unglaubliches gesagt?

Schiff: Nehmen Sie Róbert Alföldi. Das ist ein großer Schauspieler, Regisseur und der Intendant des Nationaltheaters. Und er ist homosexuell. Über den sagen Parlamentarier, er sei ein dreckiger Schwuler und nennen ihn im Parlament Roberta. Und nichts passiert. Es werden keinerlei Spielregeln mehr eingehalten.

SZ: Was hat sich Alföldi denn zuschulden kommen lassen?

Schiff: Na, er ist einfach ein guter Regisseur. Die Jobbik-Leute werfen ihm “Perversion” vor und vergleichen seine Inszenierungen mit Peepshows. Sein Sündenfall war die Tatsache, dass er dem rumänischen Kulturinstitut für den Jahrestag der rumänischen Einheit das Theater zur Verfügung stellen wollte.

SZ: Was ist daran so schlimm?

Schiff: Nichts. Das war eine mutige Geste Alföldis. Ungarn leidet noch heute darunter, dass wir 1920 große Gebiete verloren haben. Dadurch sind wir gefangen in einer negativen Form des Nationalismus: Wir sind fixiert auf Territorien, die wir vor 91 Jahren abgeben mussten. Wir werden Triest nicht zurückbekommen und Siebenbürgen auch nicht. Aber anstatt zu sagen, das ist Schnee von gestern, wird permanent an dieser verkrusteten Wunde herumgepult. Und statt Alföldis Friedensgeste den Rumänen gegenüber anzuerkennen, wird er als Verräter gebrandmarkt. Und all seine Produktionen werden als Perversitäten bezeichnet. Ich sage nicht, dass die Fidesz-Leute Nazis sind. Aber die Art, wie über zeitgenössische Malerei oder Inszenierungen gesprochen wird, das angeblich Perverse, Degoutante – das erinnert schon an das Sprechen über entartete Kunst.

SZ: Besonders beeindruckend ist ja, dass sich Alföldi im Anschluss an die Proteste öffentlich entschuldigt hat. Wie groß ist die Angst in Ungarn?

Schiff: Alföldi ist ein exzellenter Regisseur. Aber was soll er machen? Ich bin Musiker, ich kann sogar Bartók in Spanien oder Deutschland spielen. Ein ungarischer Schauspieler ist an seine Sprache gebunden. Er kann eigentlich nur in Ungarn arbeiten. Und da regiert jetzt Viktor Orbán mit einer nie gesehen Machtfülle.

SZ: Orbán hat bei seinem Amtsantritt versprochen, das Land komplett umzubauen. Wie weit ist er gekommen?

Schiff: Er arbeitet sehr fleißig daran. Ich kann nur für den Kulturbereich sprechen, da setzt er überall seine Leute ein. Überall. Es gibt richtige Säuberungen. Nehmen Sie das Opernhaus, alle Stellen werden da linientreuen Leuten zugeschanzt. Das wäre kein Problem, wenn sie Künstler wären, aber da bekleiden Leute Posten, die nichts können. Ob James Levine, der Musikdirektor der Met, Demokrat ist oder Republikaner, ist mir egal, wichtig ist, dass er hervorragend dirigiert. Aber bei uns haben sie den großen Adam Fischer als Dirigenten weggeekelt und stellen einen fünftklassigen Niemand hin, der nichts kann außer Fidesz-Treue. Ich finde, das wäre ein Grund für einen Orchesterstreik. Aber das Orchester spielt wortlos weiter.

SZ: Noch mal: Ist die Angst so groß?

Schiff: Die Leute werden kaltgestellt und denunziert, es gibt konzertierte Kampagnen, denken Sie nur an Agnes Heller.

SZ: Sie meinen die Philosophin, die angeblich eine halbe Milliarde Forint “verforscht” hat, wie eine Zeitung schrieb.

Schiff: Das erinnert an stalinistische Schauprozesse. Da soll eine große Philosophin mundtot gemacht werden, weil sie die Regierung kritisiert. Also wird eine Schmutzkampagne inszeniert, und die Zeitungen schreiben über die “Heller-Gang”, die Millionen veruntreut. Die Frau ist über achtzig.

SZ: Glauben Sie, die europäischen Reaktionen wären anders, wenn es nicht diese große Sprachbarriere gäbe?

Schiff: Absolut! Die Empörung wäre riesengroß.

Als Haiders FPÖ an die Macht kam, isolierten 14 EU-Staaten Österreich. Haider hatte zwanzig Prozent, Orbán hat eine Zweidrittelmehrheit. Ich rede nicht von einem einzelnen Mediengesetz, sondern von einer allgemeinen Stimmung, von einer Verhetzung der Gesellschaft, gegen Juden, gegen alles Fremde.

Rechtsextreme Bürgerwehren dürfen die Roma nach Lust und Laune terrorisieren. Wenn wir Ungarn weiterhin gewähren lassen, ist das ein schlimmer Präzedenzfall. Es ist wichtig, in zukünftigen Krisenfällen sagen zu können, so haben wir damals auf ungarische Provokationen reagiert.

Bisher passiert nichts. Im Gegenteil. Am 15. März, unserem Nationalfeiertag, hat Orbán gehöhnt, 1848 hätten wir den Habsburgern verboten, uns etwas zu diktieren. Später hätten wir nicht geduldet, dass uns Moskau etwas diktiert. Und jetzt lassen wir es nicht zu, dass uns Brüssel etwas vorschreibt. – Das finde ich schon dreist, wenn ein amtierender Ratspräsident der EU über eben diese EU öffentlich herziehen darf.

SZ: Die Bürgerwehr, auf die Sie anspielten, hat sich den historischen Gruß der ungarischen Faschisten “Szebb Jövöért” (“Für eine bessere Zukunft”) als Namen gegeben. Schreitet da niemand ein?

Schiff: Ach was. Das Zitieren der Parolen und Insignien aus der Nazizeit hat System. Die Bürgerwehr wird offen unterstützt von der Jobbik. Viele sagen, man müsse abwarten, bis etwas Schreckliches passiert. Etwas Schreckliches ist schon passiert. Die Pfeilkreuzler haben 1944 unter Ferenc Szálasi Tausende von Juden erschossen und in die Donau geworfen. Szálasi sollte jetzt in einem ungarischen Dorf ein Denkmal errichtet werden. Das wurde am Ende doch nicht gemacht, aber die ersten Reaktionen ungarischer Juden waren: Bitte nicht reagieren, bringt nur wieder Ärger. – Kein gutes Zeichen.

Aber was die Unterstützung angeht, wollte ich noch anmerken: Gerade im deutschen Sprachraum wurde immer wieder reagiert. Sowohl auf die Angriffe gegen mich und andere Künstler als auch auf das Mediengesetz.

SZ: In diesem Mediengesetz steht, Journalisten “sollen an der Stärkung der nationalen Identität arbeiten.” Und Gummiparagrafen wie der Paragraf 17, der es verbietet, “Minderheiten oder Mehrheiten offen oder geheim zu beleidigen oder auszugrenzen”, können von der Zensur beliebig interpretiert werden.

Schiff: Ja. Und das Gremium, das entscheidet, ob jemand gegen dieses Gesetz verstoßen hat, besteht aus fünf Fidesz-Leuten. Geleitet wird es von einer Frau, deren einzige journalistische Qualifikation ist, dass sie mal Chefredakteurin eines extrem schlüpfrigen Magazins war.

SZ: Was sagt denn dieses Gremium zu Zsolt Bayers antisemitischer Hetzpropaganda?

Schiff: Nichts. Sie haben nämlich beschlossen, dass es erst von 1. Juli an gilt. Ein genialer Trick. Am Tag zuvor hört die EU-Ratspräsidentschaft auf, danach verschwindet Ungarn wieder aus dem Fokus der europäischen Öffentlichkeit.

quote from the
Süddeutsche Zeitung

Arrow Cross Party members execute Jews along the banks of the Danube River. Budapest, Hungary, 1944.


# #

April 12