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text and video by
Marita Bullmann



Mit einem Fuß in der Badewanne stehen
2011

An diesem Tag trug ich den Traum mit mir herum,
wie ein randvolles Glas Wasser, mit betont gemessenen Bewegungen,
um nichts zu verschütten.
so vorsichtig,
als wäre die Luft von einer Dichte,
die es zu bewältigen gilt.

Ich befand mich auf einer schlingernden Kreuzfahrt durch meine Vergangenheit,
wild kam mir das vor. Weiter und weiter.
Langsam lernte ich zu reisen und Zufälliges mit einzubeziehen.
und ich sah, wie sich meine Vergangenheit überall in der Gegenwart ausdehnte.

Draussen war eine unbekannte Weite.
Dort hinaus wollte ich einfach. In diese Freiheit.
Und trotzdem unterbrach ich diesen Ausflug
voller Verlangen danach, ruhig zu sitzen und nachzusinnen

Und ich war mir sicher, dass jede weitere Bewegung
eh nur in einem Undsoweiter enden würde.

Ich wusch mir meine Hände, als wären sie kleine Kinder,
sanft wiegte ich erst die eine, dann die andere.
Dann stellte ich mich mit einem Fuß in die Badewanne.
Das war nicht nur ein Mittel, die Zeit anzuhalten,
sondern eine wiederkehrende Geste der Geborgenheit.
Mein Ritual.

Und gerade war die Erinnerung an unsere Nacktheit wieder da,
wie eine Turbulenz in der Luft.
Ein geheimnisvoller Augenblick, der sich in mein Bewusstsein schlich und mich durchdrang.
So als wäre es Nacht, in der mich die ganze Welt schlafend umfängt.

(Ich habe so ein bisschen Angst vor dem Atmen.)

Ich machte die Übung, bei der man sich vorstellt, zu Honig zu zerlaufen
Mein Kopf entspannte sich,
und ich schloss die Augen.

In meinen abgenutzten Erinnerungen waren wir zwischen sechs und acht.
Wir lagen unter der Decke oder auf dem oberen Bett oder in einem Zelt.

Ein anderes Mal strömte Musik durch meine Gegenwart.
Und ich sah sie wieder, die Hände die sich im Rhythmus der Erinnerung bewegten.
Es war vielleicht Einsamkeit die sie belebten;
aber darüber weiss ich nichts.

Und langsam kehrte wieder dieses notwendige Gefühl von Zeit zurück
und mich verließ diese verschwommene Empfindung
einer dünnen, undeutlichen Vergangenheit.

Die Sonne blendete ihn. Er blinzelte, und es entstand eine Pause.
Für mich verstummten selbst die Vögel.
Und ich begriff, wie sehr sich in den vergangenen 3 – 4 Jahren
meine Gegenwart, meine Empfindungen, sowie die Beziehungen zu den Personen
und der Umgebung verändert hatten.
Wie eine Entfernung, die viel länger war als die bloß dahin entschwundene Zeit.

Die Stimme schreitet über mich hinweg und steht hinter mir,
bei mir, neben mir.
Sie fasst mich und nimmt mich mit sich
und streichelt mich und erfüllt das Zimmer und das Halbdunkel,
bis ich die Worte nicht mehr höre und auf ihnen dahintreibe,
auf ihrem Klang, wie in einem Boot, ohne Zweck und Ziel.

Ich tauchte ein in einen Hauch lauer Wärme,
die sich in der trostlosen Hitze zusammen ballte,
und mich langsam in die Gegenwart zurück schob.

Dieses Mädchen, das den Jungen auf den Mund geküsst hat,
war jetzt nicht da. So schien es.
Für mich jedoch schon.
Denn ihre Gegenwart haftete noch an den Dingen,
die für andere unsichtbar blieben.

Die Unvergleichbarkeit dieser Küsse entfalteten ihr Ausmaß.
Damals wie heute.
So vollkommen.
Er verschwand und meine Gedanken lösten sich auf.

Wie oft am Tag habt ihr euch geküsst? fragte sie.
Vierhundert Mal. sagte ich
Nicht Genug! rief sie

Immer liefen wir weg und wollten doch zurück,
aber jedes Mal hatten wir uns ein Stück weiter voneinander entfernt.

Viele Gedanken. In der Stille des Augenblicks.
Zögerlich betrat ich das der Gelände der Gegenwart,
ohne mich von Außeneindrücken ablenken zu lassen.
Es war nichts Konkretes, was mich vorantrieb;
eben nur das Gefühl, dahinzutreiben,
als sei ich seither ununterbrochen unterwegs gewesen.

Es war auch, inmitten meiner konfusen Stimmungen,
den Wirbeln meiner Gedanken und Vorstellungen,
der Welle von Musikfetzen und der ungezählt durchgemachten Nächten,
eine große Klarheit.

Und ich frage mich,
ob das wirklich mein Leben ist oder nur die Fortsetzung eines Lebens,
das nicht das Meine ist.
Es gab so wenig, woran ich mich halten kann.

Denn die Welt ist immer so.
Wir färben sie mit den eigenen Farben der Angst oder des Glücks
– aber eigentlich ist die Welt immer so.
Wir versuchen sie zu beschreiben, finden jedoch die Worte nicht,
die sagen, wie es wirklich ist .
Denn die Welt nimmt unsere Farbe an.

Wenn ich ihn dann sah, würde ich meinen Kopf unter seinen Pulli stecken
und für immer dort bleiben.
Ich konnte Sonnenlicht durch die Streifen seines Pullovers sehen;
meine Welt war das;
so klein und roch nach Geborgenheit.




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